Newsletter #04 | Dezember 2018

Liebe Unterstützer*innen!

In den letzten Tagen vor Weihnachten komme ich dazu, die ganzen Schritte der letzten Wochen innerhalb des Aufarbeitensprozesses hier zusammenzufassen. Denn es ist einiges passiert:

  • Neue Beschwerde von uns beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof
  • Fortschritte beim preparing4prison-Guide
  • Gedanken zu den Gefängnis-Geräusch-Geschichten
  • Teilnahme an einem Storytelling-Workshop
  • Kanzelrede und Menschenrechtspreis in der Hugenottenkirche in Erlangen

Ich wünsche Euch viele Einsichten, vielleicht eigene Ideen, auf jeden Fall viel Nachvollziehenkönnen beim Lesen dieses Newsletters!

#1 ISTANBUL10

Beschwerde vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof

Unser Anwaltsteam hat die Klage gegen die türkischen Medien, die insbesondere Ali Gharavi und mich in den ersten Wochen nach unserer Festnahme massiv als Terroristen und Spione diffamiert und vorverurteilt hatten, die vom türkischen Verfassungsgericht mit Berufung auf die Pressefreiheit abgelehnt hatte, jetzt als Beschwerde vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht. Wir sind gespannt, wie dort auf unsere zweite Beschwerde reagiert wird. Dies natürlich ganz konkret für unseren Fall, aber auch als Präzedenzfälle vor allem für türkische Menschenrechtsverteidiger*innen. Zur Zeit überlegen wir noch, ob wir auch in Deutschland gegen die hier erscheinenden türkischen Medien, die die gleichen diffamierenden Artikel publizierten, Medienklage einreichen.

#2 PREPARING4PRISON – Guide

Magdalena und ich schreiben zur Zeit die -aus unserer Sicht – Essentials für den p4p-Guide zusammen. Danach geht es daran, diese mit den Erfahrungen unserer Anwält*innen und auch anderer politischer Gefangener und deren Familien und Unterstützer*innen zu ergänzen und abzugleichen.

Die letzten Wochen haben wir viel darüber nachgedacht, wie wir die Printversion des p4p-Guides für die Bergen-Assembly im nächsten September aufbereiten wollen, welches Format da angemessen erscheint. Wir haben uns jetzt gegen eine Buchpublikation entschieden, sondern wollen eine Art „Teaser“ – visuellen Anreißer – produzieren, der die Essentials enthält und auf die Webversion verweist. So können wir gewährleisten, dass eine Printpublikation nicht schon bei Erscheinen eigentlich überholt ist und wir auch besser neue Elemente und inspirierende Geschichten aktuell einbauen können.
Hier seht Ihr eine erste Idee…

#3 AUFARBEITEN DES GELERNTEN VON UNS ISTANBUL10 UND KRISENTEAM

Seit einigen Wochen bin ich wieder mit einer ganz anderen Ebene des Lernens über unser Erlebtes beschäftigt: Gemeinsam mit forensischen Expert*innen untersuchen wir mein Handy, das sich 100 Tage in den Händen der türkischen Sicherheitsbehörden befand, und auch die Festplatte, die uns die Behörden als Beleg übergaben, welche Daten sie von mir für das gerichtliche Verfahren kopiert haben. Es gibt noch keine fertigen Ergebnisse, nur so viel, dass mein Android-Handy geöffnet wurde und das iPhone nicht. Dabei wurden wohl israelische und schwedische forensische Programme von den türkischen Behörden verwendet. Ich bin gespannt und auch beunruhigt, was bei dieser Untersuchung noch herauskommen wird.

Parallel dazu werte ich noch unseren Krisenteam-Workshop vom September und auch die Dokumentation des Krisenteams aus.

#4 CREATIVE COPING & INSPIRATION

Gedanken zu den Gefängnis-Geräusch-Geschichten

Im Blog konntet Ihr ja seit einiger Zeit die erste Gefängnis-Geräusch-Geschichte zu den Karren hören, die den Geräusch-Alltag in den Gefängnissen Maltepe und Silivri für mich prägten.

Durch das Feedback von einigen von Euch bin ich noch einmal tiefer eingestiegen, um herauszufinden, warum mir diese Geräusch-Geschichten so wichtig sind, also die Geräusche wiederzufinden und aufzunehmen. Dadurch bin ich darauf gekommen, dass es mir auch darum geht, den türkischen Behörden zu zeigen, dass sie mir zwar im Gefängnis meine Geräte verweigern konnten, um Photos und Audio-Aufnahmen zu machen, dass sie mich aber nicht hindern konnten und können, mir diese Geräusche wiederzuholen. Und jetzt bin ich gespannt, welche anderen Geräusche mir noch im Alltag über den Weg laufen werden. Und vor allem auch, ob ich mir die photographischen Aufzeichnungen auch „zurückholen“ werden kann.

Interessant ist hierzu auch ein Artikel, den der noch in der Türkei inhaftierte Max Zirngast, ein österreichischer Journalist, Student und Aktivist, hierzu veröffentlichte. Ihr findet ihn hier. Und auf dem Blog seiner Solidaritätskampagne findet Ihr noch mehr Informationen über seinen Fall. Schicke in Gedanken viel Solidaritätsgrüße an ihn, während ich diesen Newsletter schreibe.

Teilnahme an Storytelling-Workshops | Neue Werkzeuge und Ideen

Schon seit Jahren hatte ich mir vorgenommen, an den Workshops und Labortagen der Organisationsentwickler*innen von Socius teilzunehmen. Ihr diesjähriger OE-Tag (Organisation-Entwicklungs-Tag) hatte „Storytelling und Sensemaking in Organisationen“ zum Thema. Beim Lesen der Ankündigung fiel mir auf, wie viel „Geschichtenerzählen“ eigentlich gerade von mir im Leichten (persönliche Gespräche Kooperationsveranstaltungen) wie Schwierigen (Medieninterviews) gefordert wird und wie wichtig es mir ist, meine und unsere Geschichte zu erzählen, aber auch, diese noch besser, authentischer, zielführender weiterzugeben. Für mich waren vor allem die beiden Workshops zu „Lernen mit den Händen zu denken“ mit Yi-Cong Lu und „Von Narrativen, Systemen, Sedimenten, Qualitäten, Körpern und Verbindung“ mit Nicola Kriesel und Bea Schramm. Nicht verwunderlich, dass ich mich mit einigen Teilnehmer*innen in beiden Workshops wieder traf. Aus dem ersten Workshop nahm ich Impulse mit, vielleicht mit meinen Zuhörer*innen beim Geschichtenerzählen parallel etwas mit den Händen zu tun … schon beim Photographieworkshop mit Gideon Mendel war ich darauf gestoßen, dass es eine spezielle Energie entwickelt, wenn ich beim Erzählen Origamis falte …
Hier geht es zur Dokumentation des OE-Tags.

Aufruf 2 | Schickt mir Eure Solidaritätsbotschaften und Aktionen vom letzten Jahr!

Ja, ich weiß, einige von Euch haben schon reagiert…. aber… und … ich mag die anderen von Euch nochmals bitten:

Viele von Euch haben selbst Solidaritätsaktionen für mich, meine Famile, die anderen #Istanbul10 gestartet, unterstützt, mitbekommen. Haben Briefe geschrieben, an Fürbittandachten teilgenommen, Banner aufgehängt, Konzerte gespielt und gehört und vieles andere!

Vieles von dem habe ich wohl gespürt, aber nicht 1:1 mitbekommen. Das möchte ich gerne ändern! Schickt mir Kopien oder Scans von Euren Briefen (und einige viele habe ich schon – DANKE!), Fotos von Euren Aktionen oder Artikeln… Was auch immer Ihr mit mir teilen mögt und könnt, ist willkommen!

Was ich damit machen will? Zum Einen mag ich es wahrnehmen und würdigen! Zum anderen arbeite ich an einer Dokumentation der verschiedenen kleinen und großen Solidaritätsaktionen, um sie in unterschiedlichen Formen als „Tracks of Solidarity“ sichtbar zu machen. Dazu gehört zum einen eine Installation auf der BergenAssembly im nächsten Jahr: Wie Ihr aus anderen Blogbeiträgen wisst, will ich aus den druckbaren Solidaritätsbekundungen eine Hängematte flechten und knoten, in der Besucher*innen das „Tragende“ von Solidarität erfahren können, indem sie sich in diese Hängematte legen. Zum Anderen plane ich eine Art Zeitleiste, die die überwältigenden Solidaritätsaktionen parallel zu den Geschehnissen im Gefängnis, aber auch auf politischer Ebene, wirtschaftlicher Ebene etc. zeigt. In welchem Format das genau geschehen kann, das konzipiere ich gerade noch.

So schickt mir Eure Solidaritätsaktionen oder Hinweise zu anderen, von denen Ihr wisst! Gerne per Email oder auch per Post! Hier geht es zum Blogartikel zum Aufruf.

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT & VERANSTALTUNGEN

Kommentargottesdienst und Menschenrechtspreis | 21.11.2018 Hugenottenkirche Erlangen

Schon Anfang des Jahres hatte mich Pfarrer Johannes Mann für die „Kanzelrede“ innerhalb des traditionellen Kommentargottesdienstes zum Buß- und Bet-Tag angefragt. Überrascht war ich dann von der Verleihung des mit € 1.500,- dotierten „Menschenrechtspreises der Reformierten Gemeinde Erlangen“ an mich. Meine (etwas zu lange) Kanzelrede fokussierte sich auf „Ohnmacht gibt es nicht – #unteilbar oder die Magie der Solidarität“. Zu dieser bekam ich noch beim händeschüttelnden Verabschieden am Kirchenausgang wunderbares Feedback. Und die Laudatio von Heiner Bielefeldt berührte nicht nur mich. Großen Dank an alle so großzügig und engagiert Beteiligten! Hier findet Ihr Infos auf der Gemeindewebsite und hier geht es zum Blogpost inklusive des begleitenden Artikels im Erlanger Tageblatt.

Moment Mal | Interview auf NDR 2

Rechtzeitig zum Internationalen Tag der Menschenrechte erstellten Julia Heyde de López und José López kurze Audio- und Video-Feature für den NDR2 mit Mitgliedern unserer Kirchengemeinde und mir zu den Wachet-und-Betet-Fürbitt-Andachten. Hier findet Ihr das Audio-Feature und hier das Video-Feature.

Menschenrechte #unteilbar | Titelkommentar in „Die Kirche“

Die Wochenzeitung „Die Kirche“ hatte mich eingeladen, einen Titelkommentar mit einem persönlichen Zugang zum Thema Menschenrechte zu schreiben. Hier findet Ihr den Kommentar, der auch in vielen weiteren Medien veröffentlicht wurde.

Herzliche Einladung: 25.1.2019 Gethsemanekirche | Gemeinsame Veranstaltung mit Doğan Akhanlı

Die gemeinsame Erfahrung von willkürlicher Verhaftung verbindet uns ebenso wie die Erfahrung der „Magie der Solidarität“ (O-Ton Doğan). Sein Buch „Verhaftung in Granada“ beeindruckt mich weiter und gemeinsam wollen wir eine Lese-Erzählveranstaltung zu eben dieser vielfältigen „Magie der Solidarität“ machen. Sie wird im Anschluss an die reguläre tägliche Wachet-und-Betet-Fürbitt-Andacht stattfinden. Wir freuen uns über alle, die diesen besonderen Abend mit uns teilen wollen.

So verabschiede ich mich mit vielen Gedanken, die solidarisch in Richtung aller politischer Gefangenen und ihrer Familien und Freund*innen gehen, die diese für viele besonders festlichen Tage nicht gemeinsam verbringen können. Mögen die vielen warmen Gedanken und Botschaften sie erreichen und stärken.

Euch bin ich immer wieder dankbar für die vielfältige Unterstützung und Solidarität!

In diesem Sinne wünsche ich Euch und Ihnen Allen gesegnete festliche Tage in Gemeinsamkeit und einen behüteten Jahreswechsel,

Euer

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