NEWSLETTER #06 | Oktober 2019

HIER gibt es den Newsletter als PDF-Download!

Liebe Unterstützer*innen!

Jetzt ist seit meinem letzten Rundbrief doch erhebliche Zeit ins Land gegangen, länger als ich eigentlich wollte. Der nächste Prozesstermin stand heute an und endete mit einer erneuten Verschiebung. Gleichzeitig läuft in Bergen in Norwegen die Kunsttriennale BergenAssembly, an der Magdalena und ich, aber auch Ali und Laressa mit verschiedenen Arbeiten teilnehmen. Dazu gehört auch der preparing4prison-Guide, der jetzt in einer ersten Version online ist.

Damit sind mehrere der von mir mit Eurer Unterstützung anvisierten Projekte umgesetzt. Vielen Dank für Eure Unterstützung und ich hoffe, Ihr findet die Ergebnisse spannend! Bei mir stehen zwei Jahre nach der Freilassung Fragen an, wie stark ich mein Schaffen weiter an den Gefängniserfahrungen ausrichten will. Hierzu und zu den anderen Themen findet Ihr Ausführliches weiter unten.

Ich wünsche Euch inspirierendes Lesen und Schauen!

#1 ISTANBUL10

09. Oktober 2019 | Prozess vertagt auf den 27. November 2019

Absurd, aber gleiches Spiel wie am letzten Prozess-termin: Der Staatsanwalt beantragte die Vertagung des Prozesses, da er neu in diesem Fall sei und nicht ausreichend Vorbereitungszeit gehabt hätte. Der Richter gibt dem statt und vertagt den Prozess auf den 27. November 2019, 9h30 Istanbuler Zeit. Diese Entscheidung ist extrem frustrierend und respektlos..

Aus meiner Pressemitteilung:

„Die Menschenrechtsverletzungen unserer Inhaftierung vom Juli 2017 werden auf juristischer Ebene weitergeführt. Jetzt unter anderem mit Verzögerungstaktiken. Dabei wären juristische Entscheidungen sowohl für die Staatsanwaltschaft als auch für die Richter*innen so einfach: Für die politisch motivierten Beschuldigungen gibt es keine Beweise, die auch nur annähernd den Prozess rechtfertigen. Freispruch ist seit Prozessbeginn die einzig juristisch und menschenrechtlich sichere und angemessene Entscheidung.

Die an den Haaren herbeigezogenen Anschuldigungen mit dem klaren Ziel, die türkische und international Zivilgesellschaft einzuschüchtern, werden durch die erneute Prozessverzögerung nicht richtiger, aber binden leider weiter viele Kräfte der türkischen und internationalen Menschenrechts-Community.

Allein die Tatsache, dass wir angeblich drei verschiedene Terrororganisationen, einen sogenannten Terror-Cocktail, unterstützt hätten, zeigt, dass es nicht um inhaltliche Anschuldigungen gegen uns geht, sondern darum, Menschenrechtsorganisationen zu diskreditieren und mundtot zu machen.

Die kontinuierlichen Aktionen der türkischen Zivilgesellschaft zeigen ganz klar, dass dies nicht funktioniert.

Wie auch während der Haft ist uns Sorgearbeit als Widerstandskraft auch während des Prozesses wichtig. Ich bin dankbar für alle Solidarität und für alle, die weiter mit uns gegen dieses unfaire juristische Verfahren und für die Menschenrechte kämpfen.“

Hier findet Ihr Aktuelles und die Pressemitteilungen auf dem Blog.

#2 PREPARING4PRISON – Guide

Es ist geschafft: Die erste Version des preparing4prison-Guide ist auf Englisch unter https://preparing4prison.org online. Ganz viele befreundete Menschenrechtsverteidiger*innen, Mitglieder aus unserem Krisenteam, unsere Anwält*innen haben mitgewirkt, sodass Magdalena und ich diese erste Version editieren und herausgeben konnten. Vielen Dank an Allan Stanley für die Programmierung der Website!!!

Der Guide an sich ist anonym. So haben wir alle Referenzen auf bestimmte Fälle oder Länder vermieden, um die Autor*innen und Nutzer*innen zu schützen. Zu der Website haben wir im Rahmen der BergenAssembly auch Postkarten und Banner erstellt, um den Guide in Workshops und auf Veranstaltungen vorstellen zu können.

Vielen Dank an dieser Stelle an Mika Springwald und Gregor Zielke für die Grafiken und das Sprayen und Stenciln der Banner und Postkarten!!! Wie freuen uns über alle Rückmeldungen und Ergänzungen! Bitte direkt an mich oder unter preparing4prison@protonmail.com .

#3 AUFARBEITEN DES GELERNTEN VON UNS ISTANBUL10 UND KRISENTEAM

Auf Einladung von Frontline Defenders, einer Organisation, die Menschenrechtsverteidiger*innen unterstützt, konnte ich Anfang Oktober an der sogenannten Dublin Platform teilnehmen. Gemeinsam teilten über 100 Menschenrechtsverteidiger*innen aus aller Welt ihre herausfordernden Situationen und arbeiteten an Analysen zu den kleiner werdenden Aktionsräumen der Zivilgesellschaft („Shrinking Spaces“) weltweit.

Für mich war es sehr bewegend, gemeinsam mit Ali Gharavi und Özlem Dalkiran, beide mit Teil der #Istanbul10, an dieser Dublin Platform teilzunehmen, die vor genau zwei Jahren für uns vor der türkischen Botschaft in Dublin demonstrierte und unsere Freilassung forderte.

Gleichzeitig konnte ich in persönlichen Begegnungen, durch Coachings für einzelne Menschenrechtsverteidiger*innen und auch einem gemeinsamen Treffen mit anderen Trainer*innen unser Gelerntes weitertragen und reflektieren.

#4 CREATIVE COPING & INSPIRATION

Auf Einladung unseres Anwalts Deha Boduroğlu und seiner Partnerin Banu Cennetoğlu, die zur sogenannten Core Group der BergenAssembly gehören, konnten Magdalena und ich uns mit verschiedenen Arbeiten beteiligen. Und da ich weiterhin am effizientesten hart an Deadlines arbeite, wurden sowohl der preparing4prison-Guide (in der Ausstellung durch die Banner und Postkarten repräsentiert) als auch die Hängematte der Solidarität und auch eine fragmentarische Videoinstallation des geplanten animierten Dokumentarfilms fertig.

Doch von hinten nach vorn: Im März hatte ich das Glück, mit einer Animationsfilmmacherin in Prag einen ersten Konzeptworkshop zum Film machen zu können, bei dem wir sowohl mögliche Origami-Elemente als auch das White-Line-Verfahren (siehe Bild) testeten. Beide kommen so in der Videoinstallation auf drei Bildschirmen vor, die auf der BergenAssembly läuft.

Mai Shatta, Menschenrechtsaktivistin und eine gute Freundin von mir, beteiligt sich mit ihrer Geschichte ebenso wie eine chilenische Aktivistin und Freundin, die in ihrem Brief an ihre Tochter von ihrer Erfahrung mit der 10 Jahre andauernden Inhaftierung ihres Vaters während der Pinochet-Zeit erzählt. Vielen Dank an beide für das Mit-Teilen ihrer Erfahrungen!

Ihr findet die Videoinstallation hier in zwei Varianten:
Als montierte drei-Screens-übereinander-Version (so kann die reale Installation in der BergenAssembly nachempfunden werden)
oder als
Ein-S creen-Variante, die als fortlaufendes Video funktioniert.
Auch zu den Videos freue ich mich über Feedback.

Wie geht es jetzt weiter? Gemeinsam mit der Produzentin Gesine Enwaldt, die die ARD-Dokumentation „Die Story…..“ über die politisch-diplomatischen Dimensionen meines Falls gemacht hatte (leider steht er nicht mehr in der ARD-Mediathek, aber Ihr könnt ihn bei Interesse von mir bekommen), und meinem Produktions-Coach Jörg Grossmann erarbeite ich ein umfangreicheres Exposé, mit welchem wir dann Kooperationspartner*innen und Finanzierungen suchen wollen.

Ideal für mich wäre es, wenn wir eine Kinoversion (eher für Festivals als für das normale Kinoprogramm), eine Fernsehversion und eine Version für die Menschenrechtsbildung erstellen könnten. Bislang gehen wir davon aus, dass es eine internationale Produktion werden wird. Ob das klappen kann, hängt vor allem von den möglichen Finanzierungspartner*innen ab.

Wer hierfür noch Ideen oder Fragen zum Filmprojekt „113 Tage“ hat: Bitte einfach melden!

Die Hängematte der Solidarität wuchs in der BergenAssembly zu einer mobilen Hängematte im Ständer plus einer gemeinsamen Installation von Magdalena und mir. Aus statischen und Kurationsgründen konnte die eigentliche Hängematte nicht im Raumkonzept zusammen mit der Installation untergebracht werden, sodass die Installation an einer Wand im Bergen Kjøtt untergebracht ist und die Hängematte an verschiedenen Orten mobil zu benutzen ist.

Doch der Weg zur Hängematte der Solidarität war ein weiter und intensiver: Zuerst hatte ich im Mai die Gelegenheit, von der Künstlerin Jitka Cervena in einem zweitägigen Workshop nicht nur zu lernen, wie eine Hängematte geknüpft wird, sondern von ihr und einem befreundeten Tischler erhielt ich auch die Grundausstattung zum Selberknüpfen meiner ersten Hängematte. Das übte ich dann auch die kommenden Wochen fleißig und filmte mich dabei aus der „Überwachungskameraperspektive“ (ein Ausschnitt dieser Aufnahmen bildet die Grundlage für die Videoinstallation). Das erste Mal dann meine Beine in der selbstgeknüpften Hängematte ausstrecken zu können und dann auch mit meiner Tochter drin zu liegen, war ein Stück Himmel auf Erden.

Jetzt mussten nur noch die ganzen Solidaritätspostkarten, -briefe, -emails und -aktionen auf die Knüpfseile kommen. Hierfür tippte ich alle Solidaritätsbotschaften und -texte ab, derer ich habhaft werden konnte. Mit der großzügigen Unterstützung einer Druckerfirma konnte ich dann die Seile bedrucken: 1,2 Kilometer Seil zog ich an einem Tag unter dem feststehenden Drucker durch. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass das Ab- und Aufwickeln der Seile der größte Aufwand dabei sein würde.

Innerhalb von vier Tagen konnte ich dann zu Hause die Hängematte der Solidarität knüpfen. Ich war schließlich selbst erstaunt, dass die Idee der Hängematte der Solidarität Wirklichkeit wurde. Zusätzlich zur Hängematte verpackte Magdalena noch ganz viele verschiedene Schnüre, Seile und Ketten, um in der Ausstellungsinstallation dann vor der Wand, hinter der ein Hängemattenfragment hängen und deren Schnüre durch die Wand zu ihrem Teil laufen würden, ihre Installation zu gestalten, wie komplex sich die Solidarität für sie anfühlt(e).

In Bergen konnten wir dann Anfang September mit toller Unterstützung des Teams des Ausstellungsortes Bergen Kjøtt (eines ehemaligen Schlachthauses) die Ausstellungsteile fertig gestalten. In der Nähe unserer Installationen findet sich auch die beeindruckende Ausstellungsinstallation von Ali und Laressa. Dabei fiel mir erst vor Ort auf, dass unsere Installationen auch wie unsere Zellenkonstellation im Gefängnis Silivri gelesen werden können.

Und nicht zuletzt finden sich außen am Gebäude Bergen Kjøtt unsere Banner vom preparing4prison-guide. Zu diesem veranstalteten Magdalena und ich auch einen ersten kleinen Workshop, der schon die erste Idee für eine Lokalisierung und Übersetzung brachte (nachdem ein anderes Core Group-Mitglied anbot, den Guide in ihre Muttersprache zu übersetzen). Wir sind gespannt, wie sich der preparing4prison-Guide weiterentwickelt!

Magdalena und Laressa haben ihre feministische Sicht auf die Haftzeit künstlerisch-textlich in fünf A5-Heften und einer Postkarte verarbeitet, die im Ausstellungsort Kode1 als Posterwand präsentiert wird. Zusätzlich konnten sie die Arbeiten innerhalb des „Parliaments of Bodies“ als Lesung vorstellen.

Im Anschluss an die aufregenden Eröffnungstage konnten wir noch in einer Bergener 8. Klasse, die gerade zu Menschenrechten arbeitete, unsere Erfahrungen und die künstlerische Umsetzung in einem Workshop vermitteln. Die elf Tage, die wir mit Zora und auch zum Teil mit Verstärkung von Magdalenas Eltern (Danke!) in Bergen verbrachten, vergingen – erstaunlich sonnig – wie im Fluge und die eineinhalbtägige Rückreise mit Schiff und Bahn rundete diesen „Ausflug in die Kunstwelt“ ab.

Zur Zeit überlegen wir noch, an welchen Orten und in welchen Formen wir unsere Arbeiten nach der BergenAssembly weiter ausstellen und nutzen können und wollen.

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT & VERANSTALTUNGEN

Zwischen April und Oktober nahm ich an verschiedenen Veranstaltungen teil. Hier nur eine kurze Übersicht:

  • Ein Erzählkonzert „Mit Solidarität für Menschenrechte“ in der Berliner Trinitatis-Kirche gemeinsam mit dem Albrecht Gündel-vom Hofe Jazz-Quartett. Danke an Pfarrer Christian Zeiske für die gute Kooperation und Initiative! Hier geht’s zu Bildern und Musik im Blog!

  • Eine Abendveranstaltung in Hermannsburg „Die Kraft der Solidarität“. Vielen Dank an das Evangelisch-Lutherische Missionswerk und die KURVE Wustrow für die Organisation und Unterstützung.

  • Beim Gandhi-Symposium in Linz konnte ich außer der Leitung mehrerer Schnuppertrainings zu gewaltfreier Aktion auch an der Podiumsdiskussion in der Schule des Ungehorsams teilnehmen; beides gemeinsam mit der Trainerin und Aktivistin Ulrike Laubenthal.

  • Und kurz vor dem Prozesstermin im Oktober war ich im Rahmen der Nikolasseer Abende mit „Mit der Magie der Solidarität gegen Repression und politische Gefangenschaft“ zu Gast.

In naher Zukunft sind folgende Veranstaltungen geplant und ich freue mich, Euch dort zu treffen – HERZLICHE EINLADUNG:

  • 15. Oktober – 19h00: Soli-Konzert #MACHDICHLAUTER in der Berliner Erlöserkirche, welches an das Konzert gegen Gewalt im Herbst 1989 anknüpft. HIER EINE BESONDERE EINLADUNG, da sich das Soli-Konzert an die Opfer von Krieg und Gewalt in Syrien und der Türkei richtet! In diesen Tagen mehr als notwendig.

  • 6. November – 20h30: Erzählabend „Politische Haft – Innere Freiheit – Magie der Solidarität“ in der Katholischen Studierendengemeinde Berlin.

  • 16. November – Zeit erfahren ich noch: TedXFS-Talk in Frankfurt am Main. Den gibt es danach auch zum Anschauen 😉

  • Anschließend vom 17. – 19. November mehrere Abend- und Schulveranstaltungen zur „Kraft der Solidarität“ in und um Butzbach herum.

Dieses wird auch das letzte Jahr sein, in dem ich dezidierte Erzählveranstaltungen zu meinen Erfahrungen rund um die Haft in der Türkei mache. Ich merke, dass ich mich nun zwei Jahre nach Ende der Haft – und auch wenn der Prozess noch weitergeht – etwas vom direkten wiederholenden Erzählen lösen möchte. Die Erfahrungen dieser Zeit werde ich jedoch in anderen Formaten weiterbearbeiten, zum Beispiel im preparing4prison-Guide oder dem animierten Dokumentarfilm (mit dem Arbeitstitel „113 Tage“).

Mit der BergenAssembly komme ich auch für mich in eine neue (Aufarbeitungs-) Phase: Mit Eurer Unterstützung konnte ich – gemeinsam mit Magdalena und anderen – auf vielen Ebenen meiner Aufarbeitungsvorhaben weiterkommen. Jetzt steht für mich die große Frage an, wie ich mich beruflich weiterentwickeln kann und welche Wege – eingeschränkt oder neu eröffnet – ich jetzt gehen will.

So Danke ich Euch von Herzen für Eure Unterstützung und Euer Begleiten meines Aufarbeitensprozesses. Ich werde versuchen, auf dem Blog https://panphotos.org/petersblog weiter (unregelmäßig) zu berichten.

Mit vielen solidarischen Grüßen, Euer

 

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