Rundmail #01 (Juni/Juli 2018)

Liebe Freund*innen, liebe Unterstützer*innen,

seit meiner Freilassung aus der Haft in der Türkei sind fast neun Monate vergangen. Ich bin gut in der Familie, mit Freund*innen und auch in mir selbst angekommen. In diesen neun Monaten ist viel passiert: Viel Familienzeit, viel Pressearbeit, Mitwirkung an einem Dokumentarfilm, einen Teil meiner Arbeit konnte ich wieder aufnehmen, neue Arbeitsbereiche sind hinzugekommen – und natürlich die Aufarbeitung der Haftzeit und der Auswirkungen im nahen und fernen Umfeld.

Das alles war und ist wichtig. Leider bin ich in dieser Zeit nicht dazu gekommen, einige Fäden aufzunehmen, die mir wichtig sind – für die weitere Aufarbeitung, aber auch für den produktiven Umgang mit der schwierigen und gleichzeitig enorm solidarischen, positiven und reichen Zeit.

Das will ich ändern und diese Fäden weiterweben: Ich habe mir vorgenommen, mich ab dem 5.7.2018, dem ersten Jahrestag der Verhaftung, für ein halbes Jahr arbeitend auf alles zu konzentrieren, was durch die Verhaftung für mich und die anderen negativ wie positiv entstanden ist. Und dafür brauche ich Eure Hilfe: Zum Einen möchte ich Kontakt und Austausch mit allen, die mit mir und uns solidarisch waren, um die positiven Erfahrungen der Zeit zu teilen und zu verstärken. Und zum Anderen brauche ich dafür Geld. Nicht super viel, aber so, dass ich mich mit 75 % meiner Arbeitskraft auf die folgenden Bereiche konzentrieren kann (ohne „Brot-Jobs“ machen zu müssen):

  1. Zuarbeiten zu unserem andauernden Prozess in der Türkei, sei es durch Erarbeitung der juristischen Strategien mit unseren Anwält*innen, Klärung von offenen Fragen des Hafthergangs oder Übersetzungen. Hinzu kommt auch die Unterstützung der anderen Istanbul10 und Taner Kılıç, der unserem Fall zugeschlagen wurde und auch nach unserem Prozess vor ein paar Tagen noch weiter in Izmir in Haft bleiben muss. Umfassender will ich auch weitere in Deutschland lebenden Familien anderer in der Türkei Inhaftierter unterstützen.
  2. Erarbeitung einer Handreichung “Preparing for Prison” rund um das Thema „Was kann mensch für sich im Gefängnis tun und was kann von außen solidarisch getan werden“. Diese soll sich an Familien, Anwält*innen, Unterstützer*innen von politischen Gefangenen richten und den Schwerpunkt auf Selbstfürsorge, gegenseitige Unterstützung und Solidarität legen. Um all das hart Erlernte aus unserem Fall allgemeiner anwendbar zu machen, möchte ich andere von Repression Betroffene sowie ihre Familien kontaktieren und unsere Erfahrungen abgleichen.
  3. Ein spezieller Fokus wird das Aufbereiten unserer Erfahrungen (vor allem von Ali Gharavi und mir direkt im Gefängnis aber auch von Mitwirkenden aus dem Krisenteam) für Menschenrechtsorganisationen und den Menschenrechts(-Sicherheits-)Trainingsbereich sein. Hierzu braucht es Treffen zum internen Aufarbeiten und Strukturieren und dann für Reflexionsworkshops mit den entsprechenden Organisationen.
  4. Ich möchte gerne mit verschiedenen kreativen Medien, unter anderem Dokumentarfilm und Ausstellung, meine positiven Erfahrungen der Solidarität und der Fürsorge erfahrbar machen und dabei auch die Vielfalt der Unterstützungsansätze (vom Krisenteam über familiäre Sorgearbeit, Fürbittgruppen, Bannern an Kirchtürmen, Unterschriftenkampagnen, bis zu Briefen an mich im Gefängnis – die mich nie als Papier wohl aber innerlich stärkend erreichten) angemessenen Raum geben. Dies ist zum Einen für mich eine gute Möglichkeit, das Geschehene aufzuarbeiten, und zum Anderen für andere, an meinen Erfahrungen teilzuhaben. Damit kann ich auch Menschen erreichen, die nicht aus dem Feld der Menschenrechtsarbeit oder unserem direkten Umfeld kommen.

Ich will dies nicht allein, sondern mit vielen anderen zusammen erarbeiten. Und ich will mich jetzt darauf konzentrieren können. Hinzu kommt zu den einzelnen Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, die mich auch zu den verschiedenen Solidaritätsgruppen und Gemeinden führen wird. Ich weiß, dass dies alles nicht in einem halben Jahr vollständig zu schaffen sein wird. Aber ich möchte diese vier Bereiche zumindest soweit anschieben, dass sie dann auch mit weniger Arbeitszeit oder als eigene Projekte tragfähig sind. Ich werde einen deutsch-englischen Informationsblog einrichten und kann Euch über monatliche Newsletter auf dem Laufenden halten.

Was ich konkret von Euch brauche? Nehmt mit mir Kontakt auf. Meldet Euch für den Newsletter ein. Und ja, bitte unterstützt mich mit kleineren und größeren Spenden, monatlich oder auch einmalig – 1.500 Euro pro Monat tragen mich.

Ich bin dankbar, dass die KURVE Wustrow mich hier weiter unterstützt und dafür Eure Spenden entgegen nimmt – sie sind also steuerlich absetzbar.

Wenn Ihr Euch das vorstellen könnt – was mich dolle freuen würde -, dann tragt Euch hier für den Newsletter oder hier zur finanziellen Unterstützung für mich ein! Da mir sicherlich nicht alle bekannt sind, die sich mit mir und uns Istanbul10 solidarisiert haben, könnt Ihr diesen Unterstützungsaufruf auch gerne weiterverbreiten.

Mit vielen motivierten Grüßen, mit der Kraft Eurer Solidarität bald anders loslegen zu können,

Euer

PS: Bitte nehmt auch mit mir Kontakt auf, wenn Ihr weitere Ideen habt, wie Ihr Euch mit mir vernetzen oder mich sonst unterstützen könnt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert